Verlagsjournal

Warum ich „Rüdiger“ geschrieben habe

Seit über einem Jahr lag das Manuskript in der Schublade. „Rüdiger“ verbindet Depressionen, den Wilden Westen und den Ruhrpott. Hier erzählt der Autor ganz persönlich, warum er diese Geschichte schreiben musste, wie ihm das Schreiben half und warum Enttabuisierung so wichtig ist.

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Seit über einem Jahr lag jetzt das Manuskript „Rüdiger“ in meiner metaphorischen Schublade und wartete auf just jenen Moment, an dem es mehr sein würde, als nur ein Stapel Papier.

Nachdem dann schnell klar war, dass die Story wirklich ein Ding ist, habe ich angefangen, Leuten davon zu erzählen. Meist beiläufig. Oft kam als Antwort ein „Aha“, „Toll“ oder „Machse mir noch son Kaffee, wode grad am Stehen dran bis?“. Zuweilen und von den richtigen Menschen kam aber „Wat? Echt getz? Und? Worum gehts?“

„Depressionen. Wilder Westen. Ruhrpott.“

Ich gebe zu, die Antwort hätte meinerseits auch länger ausfallen können, aber es hat ein Gesprächsthema aufgemacht, über das viele (aus verschiedensten Gründen) nicht sprechen. Und damit meine ich nicht den Ruhrpott.

Über Depressionen sprechen lernen

Über Depressionen zu Sprechen musste ich auch lernen. Sie begleiten mich seit 2012 und waren wie der Siegerpokal für jahrelanges Malochen, ohne Rücksicht auf das, was ich eigentlich möchte oder mir gut getan hätte. Als klassischer Malocher und Gen-X, bin ich darauf eingestellt zu schaffen, nicht zu meckern und Befindlichkeiten mit mir selbst auszumachen.

„Ein Kerl wie ein Baum, aber das wird ihm Zuviel“, „Soll ich dir einen Tampon holen?“ und „Indianer kennt keinen Schmerz“, wollte ich mir als Spruch ersparen. Dem aufmerksamen Leser wird an dieser Stelle zu recht auffallen, dass so eine Einstellung das perfekte Rezept für den oben genannten Siegerpokal ist.

Aber zu meiner Verteidigung: vor 2012 gab es noch keine Depressionen, nur lustige Menschen die sich irgendwann erhängt haben und keiner wusste warum. Depressionen gibt es seit Menschengedenken und die letzten Jahre findet das Thema immer mehr Raum im öffentlichen Leben. Alleine durch Personen wie Torsten Sträter und Kurt Krömer, sollte inzwischen jeder wissen, dass Depressionen und „Kein Bock“-Mentalität, zwei paar Schuhe sind.

Sollte. Die Wahrheit ist, dass nicht betroffene Mitmenschen Probleme haben Depressionen nachzuvollziehen. Wie könnten sie auch, sieht es nach außen hin doch meist so aus, als würde ein Spaziergang, mehr lüften oder „Du musst einfach mal den Arsch hochkriegen“ eine rettende Lösung für das Problem sein.

Der Weg zum Schreiben

Für mich war lange Zeit die Fotografie ein Katalysator um kreativ tätig zu sein und den Depressionen den Kampf anzusagen. Im Jahr 2021 kam dann Mona, unsere ehemalige Hebamme, auf mich zu und wollte ein Coverdesign für ein Buch, dass sie veröffentlicht.

Wenn ich an Autoren gedacht habe, waren es für mich meist diejenigen, die, wenn sie wütend sind, theatralisch ihren Schal nach hinten werfen und „abdampfen“. Die, die eine kleine Hütte in Alaska mieten um mit ihrer Remington Schreibmaschine ein halbes Jahr Zeit verbringen, Pfeife rauchen, mit ihrem Verlag über Deadlines diskutieren und regelmäßig Zusammenbrüche haben.

Und jetzt? Unsere Hebamme hat etwas geschrieben, womit sie sich auskennt und es als Belletristik verpackt, einfach selbst auf den Markt geworfen. Ohne Schal.

An dem Punkt hat es mich gepackt. Das kann ich auch. Was hat Hemingway noch gesagt? Schreib über das, was du kennst. Und so kommen wir zu den drei Themen von „Rüdiger“ zurück.

Dem Ganzen eine Bühne bereiten

Allerdings habe ich angefangen zu schreiben, ohne zu wissen wo es hin geht. Ohne Ziel. Mir hat es geholfen, über die Depression zu schreiben und was sie mit mir macht. Zu schreiben, wie sie sich äußert, was die Gedankengänge dabei sind. Deshalb besteht das erste Kapitel hauptsächlich aus Rüdigers Depression und welchen Einfluss sie auf seine Situation hat.

Das hat mich viel Kraft gekostet. Zu dem Zeitpunkt hat mich die Krankheit schon neun Jahre begleitet und dem Ganzen einen Bühne zu bereiten fühlte sich gleichzeitig falsch und richtig an. In fast jedem Kapitel konnte ich Momente einbauen, die mich beschäftigt haben, oder Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Das hat dazu geführt, dass ich mich besser gefühlt habe. Den ganzen Rotz, mit dem ich mich schon rumgeplagt habe, konnte ich an Rüdiger abgeben. Wir sind zusammen durch die Story gegangen.

Mit vielen Pausen im Schreibverlauf, konnte ich dann Ende 2024 das Manuskript abschließen. Die Fotografie musste ich aus gesundheitlichen Gründen drangeben, was aber okay war, weil ich einen anderen Katalysator gefunden hatte.

Ein Blick nach vorn

Und jetzt? Mein Depression-Siegerpokal steht weiterhin im Schrank und ich werde ihn auch nicht mehr los. Aber das ist okay. Ich habe gelernt zu reflektieren, zu hinterfragen und, was wirklich wichtig ist, über meine Gefühle und Befindlichkeiten zu sprechen.

Ich werde nicht müde, Depressionen zu thematisieren und mit Menschen darüber zu sprechen. Ich bin so unfassbar froh, hier einen Verlag gefunden zu haben, der das Thema genauso wichtig erachtet wie ich, der sich einsetzen möchte und dem Aufklärung sowie Enttabuisierung des Themas genauso am Herzen liegt.

Ich freue mich wahnsinnig darauf, mit Black Forest Press und „Rüdiger“ einen Beitrag zu leisten und Depressionen in den Arsch zu treten.

#FckDprssn